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TERUO CHINEN

VERBINDEN VON VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT

von Dong Tran

Dieses Interview mit Sensei Chinen wurde auf dem Jundokan International’s Frühlings- Gasshuku am Sonntag, den 31.Mai 1997 in Montclair / New Jersey geführt.Als Ihr Student sehe ich Sie als Bindeglied zwischen der Vergangenheit also von den Wurzeln des Goju-ryu in Okinawa, und der Zukunft wo die Traditionen nach Amerika übertragen und damit verwaschen wurden.

Sensei, wenn ich richtig verstanden habe, sind sie 1941 in Kobe / Japan geboren und im Kindesalter nach Okinawa gezogen. Dort wohnten Sie drei Häuser neben Sensei Miyagi’s Haus und wurden ihm formell durch Ihren Onkel vorgestellt, um Gojo-Ryu bei ihm zu trainieren. Ihr wichtigster Lehrer war Sensei Miyazato, welcher sie unter Sensei Miyagis wachsamen Augen unterrichtete. Nachdem 1953 Sensei Miyagi dahingeschieden war, halfen Sie Sensei Miyazato die Trainingsausrüstung in ein neues Dojo zu transportieren, welches den Namen Jundokan trug.

WELTWEITE VERBREITUNG DER WURZELN DES GOJU-RYU

F: Sensei, wann kamen Sie in die USA?
A: Ich kam 1969 in die USA. Zwischen 1958 und 1969 half ich in Tokyo am Yoyogi Dojo Herrn Higaonna Morio „gaijin“ (Fremde / Ausländer) zu unterrichten. Damals gab es eine riesige Nachfrage nach Gojo-Ryu-Ausbildern in Europa, Süd-Afrika und Süd-Amerika, und ich sollte nach Brasilien geschickt werden, aber weil die Situation zu der Zeit dort sehr instabil war, ging ich stattdessen in die USA.

F: Was war Ihre ursprüngliche Absicht?
A: Ich hatte ursprünglich angenommen, dass ich nur für drei Monate in diesem Land sein würde. Als ich nach Spokane kam und dort das erbärmliche Niveau des Gojo-Ryu erblickte, nahm ich die Zeit und Mühe auf mich, dies zu verbessern. Nach sechs Monaten – doppelt so lange wie ich eigentlich nur bleiben wollte – stellte ich fest, dass es leichter wäre, von Vorn zu beginnen, anstatt an den Problemen rumzubasteln. Es ist normalerweise besser, ein Haus wieder aufzubauen, als es umzubauen.

F: Warum blieben Sie für immer?
A: Letztlich, weil ich herausfand, dass in Brasilien immer noch alles chaotisch ablief, wollte ich erst recht in den USA bleiben. Ich besserte mein mageres Dojo-Einkommen durch Karate- Unterricht an den Universitäten und Colleges auf. Ich unterrichtete ebenfalls an der YM-YWCA und beim Lions Club. Ich entschied mich zu bleiben, weil ich das Gefühl hatte, ein guter Botschafter des Goju-Ryu zu sein.

F: Ich erinnere mich an das erste Treffen im Jahre 1984. Sie waren wie ein Missionar umgeben von Wilden. Was dachten Sie über das Niveau der Gojo-Ryu-Karatekas damals? Was dachten sie war ihre Aufgabe diese Situation zu verändern?
A: Trotz dass ich von 1969 an in den USA war, konzentrierte ich mich nicht automatisch auf das amerikanische Karate. Zwischen 1973 und 1979 war ich mit Reisen nach Europa und Südafrika beschäftigt, um den Grundstein für die IOGKF (International Okinawan Goju-ryu Karate-do 1 Federation, unter Vorsitz von Sensei Morio) zu legen, deren Co-Vorsitzender ich war. Herr James Rousseau, ich und einige wenige Europäer bauten eine starke Organisation auf. Vor 1979 begann ich nicht, mich auf das amerikanische Karate zu konzentrieren. Zu dieser Zeit waren die Leute, die mich akzeptierten und anerkannten, Shotokan-Leute der JKA. Ich ging zu deren Wettkämpfen und sie übertrugen mir die Verantwortung für die Abteilung Gojo-Ryu innerhalb des AAKF. Es waren hauptsächlich die an der Westküste lebenden Shotokan-Leute, bei denen ich Anerkennung erhielt. Dann schrieb jemand einen Artikel über mich in einer Zeitschrift und nach und nach erlangte ich Bekanntheit unter der breiten Masse der amerikanischen Karatekas. Das Level des Gojo-Ryu was ich sah, als ich verschiedene Dojos im ganzen Land besuchte, war sehr armselig, aber ich wusste, dass keiner dafür die Schuld trug. Ich verstand, dass es viele Lehrer gegeben hatte und deren Aussagen sich häufig widersprochen haben. Es bestand ein so große Kluft zwischen diesen Leuten und mir! Ich wollte keinen der Ausbilder schlecht da stehen lassen. Meine Aufgabe war anfangs, die Leute zu ermutigen, ihnen nicht den Mut zu nehmen. Ich begann damit, die Fehler in der Grundschule zu korrigieren und dann die Katas darauf aufzubauen. Als wir eine gemeinsame Basis hatten, konnte ich darauf aufbauen. Es war schwieriger mit den Ausbildern zu arbeiten als mit den Anfängern, weil sie eine höhere Graduierung hatten und ihr Stolz es ihnen untersagte, mit mir vor ihren Schülern zu trainieren. Und manchmal waren ihre Schüler besser als sie selbst! Aber ich konnte die Situation verstehen. Also gab ich ihnen Privatunterricht wann immer ich konnte, meistens zwischen deren Trainingseinheiten.

DIE ZUKUNFT DES TRADITIONELLEN KARATE

F: Haben Sie über die ganzen Jahre hinweg eine Veränderung im Niveau des Trainings in diesem Land festgestellt?
A: Ja, da gab es definitiv eine Verbesserung. Die Lehrfähigkeiten der Lehrer wurden auch besser. Die Leute sind offener, und sie sind eher in der Lage, Techniken anzunehmen.

F: Denken Sie, dass es nun ein bedeutenderes Bewusstsein für das authentische, traditionelle Karate in den USA gibt?
A: Ich denke, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für das traditionelle Karate ist angewachsen. Ich hoffe auch, dass durch meinen engeren Kontakt zu den Karatekas im ganzen Land sich die Situation verbessern wird.

F: Sensei, welche Länder der Welt haben Sie bereits besucht? Denken Sie, dass auch da ein bedeutenderes Bewusstsein für das traditionelle Karate existiert?
A: Während der letzten 28 Jahre habe ich etwa 50 Länder bereist – es waren zu viele, um sie alle zu erwähnen – und viele von ihnen sind aufgrund politischer Ereignisse gar nicht mehr auf der Landkarte zu finden. Das Bewusstsein der Menschen hängt von den Ländern ab. Manche Länder kämpfen leider noch mit sehr grundlegenden Überlebensfragen. Andere, wie z.B. Südafrika, haben ein sehr hohes Bewusstsein für ein gutes Karate. Südafrika ist ein JKA-Shotokan-Land.

F: Auf was führen Sie solch ein Bewusstsein zurück? Denken Sie, dass Sie zu einem solchen Bewusstsein mit beigetragen haben?
A: Die Stufe des Bewusstseins der Öffentlichkeit ist den Anstrengungen der Senseis, Ausbildern und Karatekas zuzuschreiben, die auf das „Niedrig-Qualitäts-Karate“ einwirkten. Aber es ist letztendlich die Öffentlichkeit, die eine Entscheidung trifft. Wir können die Entscheidung nicht für sie treffen. Sie werden ihre Entscheidung treffen auf der Grundlage dessen, was wir ihnen zugänglich machen. Ich denke, dass ich auf jeden Fall zu diesem Bewusstsein beigetragen habe.

F: Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft des Karate in diesem Land?
A: Ich habe oft über diese Frage nachgedacht. Vor allem vor 2 Jahren, als ich sehr krank war (nicht diagnostizierte Diabetes), dachte ich mir so bei mir „Ich kann noch nicht sterben! Lasst mich meine Arbeit zu Ende bringen. Noch sind die Leute nicht so weit.“ Aber dank der Medizin bin ich wieder genesen, habe nun meine Gesundheit wieder unter Kontrolle bekommen und die Zukunft sieht wieder zuversichtlicher aus. Ich hoffe, dass die nächsten Generationen sich nicht nur technisch verbessern sondern auch wissen, ihre Kenntnisse weiterzugeben. Die Leute müssen die Traditionen weitergeben und dürfen sie nicht verlieren. In den alten Tagen in China und Okinawa erfolgte die Lehre des Karate hinter verschlossenen Türen. Nun, dank der Medien, ist Karate nicht mehr länger ein Geheimnis. Es wird mehr geteilt.

F: Denken Sie, dass es eine Vereinigung für alle Kampfkünste Okinawas in den USA geben sollte? Wenn ja, könnten Sie sich vorstellen, eine Hauptrolle bei deren Aufbau zu spielen?
A: Nein, meine persönliche Meinung ist, dass jede Kampfkunst sehr individuell ist. Eine die vielen und voneinander verschiedenen Kampfkünste wie die Kampfsysteme von Okinawa überwachende Organisation würde eventuell der Qualität der Künste schaden. Kulturell und traditionell gesehen, sind die Kampfkünste von Okinawa zu individuell und zu klar ausgeprägt, um willkürlich in einer Gruppe zusammengefasst zu werden.

DIE ZUKUNFT DES JUNDOKAN

F: Wie sehen Sie die Zukunft des Jundokan International?
A: Ich sehe die geradlinige Beziehung zwischen den Ausbildern sich positiv entwickeln. Ich bin damit beschäftigt, die Essenz des Goju-ryu an Ihre Brüdern und Schwestern der Jundokan International weiterzugeben.

YAMANNI-RYU UND DIE CHINEN FAMILIE

F: Sensei, in welcher Beziehung stehen Sie zu Chinen Masami Sensei vom Yamanni-ryu?
A: Er überbrachte zwei Künste: Eine ist ein Waffensystem und die andere ist das Shorin-ryu Karate. Masami Chinen war mein Großonkel. Er lebte in Shuri auf Okinawa und arbeitete genauso wie mein Bruder im Rathaus von Shuri. Ich nannte ihn Großonkel Shobi. Das Kanji-Zeichen für Masa kann auf Chinesisch auch als „Sho“ oder „Sei“ ausgesprochen werden. Das war unsere Familienabstammungslinie. Meine Familie praktizierte beides – Shorin-ryu und auch die Waffenkunst des Yamanni-ryu. Laut der Auskunft meines Bruders, unterrichtete mein Vater Waffenkunst in Kobe, Japan, als Amateur. Aber weil er japanischer Marineoffizier war, übernahm er die japanische Weise und benutzte nicht mehr den Masa-Namen für seine Kinder. Konsequenterweise erhielten meine 3 Brüder und ich alle japanischen Vornamen – Akira, Hirokazu, Teruo und Toshio. Keine chinesischen Namen mehr, keine Masa-Linie mehr.

F: Abschließend noch Sensei, denken Sie, dass Waffentraining eine gute Ergänzung für das Karate ist?
A: Absolut. Selbst das Kendo-Training ist für suburi (Üben des Schneidens) gut. Das Waffensystem von Okinawa, wie Kon/Bo, Sai, Tunfa, Nunchaku, bietet eine Form des Kiguundo (Ergänzungstraining) welches von unschätzbarem Wert für die Handgelenks- und Armarbeit sowie für die Körperkoordination und für das Kime (Fokussierung) ist. Darüber hinaus sollten Waffenschüler über gute Grundlagen im Karate verfügen.

DT: Sensei, haben Sie recht vielen Dank für dieses Interview. Sie haben uns viel Stoff zum Nachdenken gegeben und ich hoffe, dass die Schüler und Leser ein besseres Gefühl für die Perspektive und Verantwortung gewonnen haben, wo sie nun an der Schwelle der Geschichte stehen.

SENSEI CHINEN ÜBER TURNIERE UND WETTKÄMPFE

Solange Kumite den Regeln folgt, ist es ein gutes Training. Ich ermutige die Leute, sich Vergleichskämpfen zu stellen. Man zahlt eine Eintrittsgebühr und übt mit völlig fremden Leuten. Das ermöglicht einem eine Annäherung an eine Straßenkampfsituation. Wenn man es wieder und wieder tut, dann gewöhnt man sich an die Situation und das stärkt einen. Ich bin daran gewöhnt, nicht nur im Karate, sondern auch im Judo und im Kendo mich Vergleichs-Kämpfen auszusetzen. Ich war ein exzellenter Verlierer. Wettkämpfe sind gut für Träger eines Kyu-Grades und junge Schwarzgurte. Zuviel davon lässt jedoch einen die klassischen Grundgedanken verlieren, da Wettkampfregeln eine Einheitlichkeit der Leute, und Stile bedingen und die Individualität dabei verloren geht.

 

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